Weibliches Saatgut – Traum oder (beinahe) Wirklichkeit?
 
Sietdem Samen verboten sind, hat der Einsatz von Stecklingen enorm zugenommen. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Immerhin ist diese Methode genauso strafbar und dann entscheiden sich viele Züchter für die Vorteile des Stecklings. Die Frage ist, ob tatsächlich so viele Vorteile mit dieser Methode verbunden sind und, falls nicht, ob es Alternativen gibt. Grow! Hat sich in den Niederlanden umgesehen, wo vor zwanzig Jahren der Steckling mit offenen Armen empfangen wurde. In höchster Euphorie warfen damals die holländischen ´Wiet'-Züchter massal die Samen über Bord und schlossen liebkosend die kleine Baby-Planze ans Herz. Inzwischen hat die harte Wirklichkeit die meisten von ihnen eingeholt und ihnen deutlich gemacht, daß am Steckling sicher nicht nur Vorteile kleben. In den damit verbundenen Nachteilen liegt dann auch der Grund dafür, daß man in den Niederlanden inzwischen mit Argusaugen Ausschau hält nach der Alternatieve: 100% weibliche Samen. In diesem Artikel lassen wir die Vor- und Nachteile beider Methoden Revue passieren. Wir waren zu Besuch bei Cees von ´No Mercy Supply´, dem es gelungne ist, 100% weibliche Samen zu producieren. Er hat keine Geheimnissen und erzählt ganz offen, wie man die Pflanze so manipuliert, daß sie nur noch weibliche Samen hervorbringt. Die Foto´s, die wir bei ihm machen durften, sind einzigartig und in noch keiner deutschen Zeitschrift zu sehen gewesen. So merkwürdig sie auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, es sind Originale und in keinster Weise mit dem Computer retouchiert.
 
Stecklinge sind auch nicht immer das Gelbe vom Ei
Ein Stück Geschichte: In den Siebzigern war es für die Handvoll Leute, die sich in Holland mit der Cannabis-Zucht beschäftigten, völlig normal, dazu Samen zu benutzen. Gras zu rauchen war in dieser Zeit gar nicht populär und wenn, dann kam es aus Weitwegistan. Wenn man schon mal ein Beutelchen davon kaufte, dann war es völlig normal, daß dieses hauptsächlich Sengel enthielt und daß die wenigen Tops mit reichlich viel Saatgut durchsetzt waren. Jeder kannte Leute, die diese Samen irgendwann einmal im Garten ausgestreut und damit regelmäßig das gleiche Resultat erzielt hatten: Brennholz. Doch als die Amerikaner mit ihren Sensimilla-Samen ankamen, die sie im dortigen justizielen Klima ungestört wachsen lassen konnten, gingen auch viel Niederländern die Augen auf. Der bekannteste unter ihnen ist wohl Ben donkers, Cannabist in Herz und Nieren und Begründer des Sensi-Imperiums. Er erkannte sofort, wie wichtig gute Samen sind. Und während alle anderen sich mit der Züchterei beschäftigeten, konzentrierte er ich auf die Samenproduktion. Nach ein paar Jahren kam dann der Steckling auf, damals noch unter dem Namen ´Clone´ bekannt. Das war das Ei des Columbus, denn er brachte Zeitersparnis und Erfolgsgarantie mit sich. Die Preise entsprachen damals in etwa denen von Samen; allerding war es gebräuchlich, daß man beim Einkauf mindestens 10% Stecklinge gratis erhielt, um für eventuelle ´Nieten´ zu kompensieren. Als die Stecklinge dann billiger wurden, war es mit dieser Freigiebigkeit schnell vorbei, doch weil die Methode noch immer vorteilhafter war, beklagte sich bald auch niemand mehr. Die großflächige Stecklingsproduktion hatte ihren Anfang genommen, merkwürdigerweise nicht bei Cannabis rauchenden Liebhabern, sondern im Allgemeinen bei Leuten, die nur eins vor Augen hatten, nämlich schnell und viel Geld zu verdienen. Auf der Jagd nach dem großen Geld scheuten sich diese Leute nicht, Pestizide und andere, für Mensch und Pflanze gefährliche Stoffe einzusetzen. Bis auf den heutigen tag liegt der Handel mit Stecklingen noch immer in den Händen dieser Cowboys, denn die Liebhaber einer ngenehmen Rauchware halten sich lieber an´s Blühenlassen. Leider ist es so, daß die Gruppe der großen ´Wiet´Produzenten hauptsächlich aus gewinnsüchtigen Leuten besteht, die die Pflanze nur als das Huhn mit den goldenen Eiern betrachten. Die meisten von ihnen haben noch nie etwas geraucht und es kann ihnen völlig schnuppe sein, ob die Qualität gut ist. Es ist für sie gnaz normal, die Pflanzen bis in die letzte Woche hinein zu besprühen und die gesundheitlichen Folgen bereiten ihnen ganz sicher keine schlaflosen Nächte. `The Dutch Way` hat international oft eine Vorbildfunktion, ist aber ganz sicher nicht ´the only way´. Deutsche Züchter sollten aus den Zuständen, die in den Niederlanden überhand genommen haben, lernen. Inzwischen sind wir zehn Jahre weiter und inzwischen dahintergekommen, daß der Gebrauch von Stecklingen wohl doch mit Nachteilen behaftet ist...


Der Nachteil von Stecklingen ist, daß sie von Menschen hergestellt werden, wobei der größte Minuspunkt im Sesinteresse und der Unwissenheit der Produzenten liegt. Die wollen nur eins und das ist: Viel produzieren. Meist beginnen sie ihre Zucht mit Stecklingen, die sie einfach im Grow-Shop gekauft haben. Mit anderen Worten, das genetische
Material der Mutterpflanzen ist meist schon Jahre alt. Dies geht auf Kosten all dessen, was wir von der Pflanze wollen, z. B. Potenz, Geschmack, Gesundheit und nicht zuletzt auch Ernteertrag. Wie schon gesagt, wollen die Züchter hauptsächlich ihre Taschen füllen. Man kann also nicht davon ausgehen, daß sie Zeit und Geld investieren, um neue Mutterpflanzen aus Samen zu zuchten. Solange die Stecklinge noch Wurzeln treiben und ein bißchen grünlich aussehen, finden die Herren alles wunderbar in Ordnung. Und in knappen Zeiten kaufen die Grow-Shops sogar diesen Abfall noch auf.

Ein weiteres, in den Niederlanden häufig auftretendes Problem sind die verschiedenen Sorten im Angebot. Dieses besteht zu fast 100% aus kommerziellem Schrott wie z.B. ´Elfjes´ oder schlechtem Skunk. Hierzu muß man wissen,daß der Löwenanteil der niederländischen Produktion für den Export bestimmt ist. “Im Ausland wird alles gekauft”, ist der vorherrschende Gedanke und die Preise, die für diesen Spinat bezahtlt werden, sind denn auch lächerlich hoch. Infolgendessen ist in den Niederlanden selbst fast nirgendwo mer gutes Gras zu finden.
Dann zumm folgenden Problem: Es passiert regelmäßig,daß die gelieferten Pflanzen
nicht von der bestellten Sorte sind. Schlimmer noch, oft kommt der Züchter gegen Ende der Blütezeit dahinter,daß er mehrere verschiedenn Sorten herangezogen hat. Diese haben dann alle verschieden lange Blütezeiten und davon ist der Züchter auch nicht gerade erbaut.
Ein weiteres großes Problem ist der Vorrat an Stecklingen. In den Sommermonaten ist es geradezu unmöglich, gutes Material zu kaufen, weil die meisten großen Züchter auch nur Familienväter sind, die mit Frau und Kindern in Urlaub fahren. Schlieblich muß der verdiente Rubel rollen und darum sitzen während der Sommermonate mehr Stecklings-Produzenten in Spanien als in Holland. Nach ihrer Rückkehr dauert es natürlich ein paar Wochen, ehe die Produktion wieder in Gang kommt. In diesen kanppen Zeiten steigen die Preise der noch erhältlichen Stecklinge ins Astronomische. Wer zu den wenigen glücklichen gehört, die noch ein paar Pflänzchen ergattern konnten, läuft große Gefahr, beim Nachhausekommen nur noch schlappes Trockengemüse vorzufinden, das in der Verpackung von de Hitze zerstört wurde.
Auch Pflanzen können krank werden – vor allem die Mutterplanzen, die schon seit Jahren beschnitten werden und die während der ganzen Zeit in einer von Reststoffen und allerlei chemischen Müll durchsetzten Erde wurzeln. Wenn eine Mutterpflanze sich eine Infektionskrankheit zuzieht oder mit Wurzelfäule angesteckt wird, dann sitzen diese Krankheiten auch in den von ihr stammenden Stecklingen. Man kann nun einmal keine Topqualität produzieren, wenn die Basis nicht stimmt, auch wenn man noch so grüne Finger hat.

Weibliche Samen, mehr vor- als Nachteile?
Die Nachteile der Steckling-Methode formen im Großen und Ganzen die Vorteile der Saat-Methode. Zunächst ist der Ertrag aus Saatgut bedeutend höher als der aus Stecklingen. Sälinge sind viel stärker und daher weniger anfällig für Krankheiten und Schimmel. Das Sortiment ist sehr vielseitig und alle tollen Pflanzen von früher sind noch in Samenform erhältlich. Auch juristisch liegen die Dinge im Bezug auf Saatgut anders. Immerhin dürfen Samen in Holland frei ver- und gekauft weren. (Ob dies noch lange so bleibt, ist allerdings sehr fraglich. Anm. D. Red.) Es fährt sich schließlich viel ruhiger mit einem Säckchen Samen in der Tasche, als mit einem Rücksitz voller feuchter Stecklinge in Kartons, die die Fenster beschlagen lassen und einen sehr erkaennbaren Duft ausströmen…
Der Grow-Shop benötigt nur ein Gefrierfach, um während des ganzen Jahres Samen verkaufen zu können. Dennoch hat der Steckling bei den (niederländischen) Züchtern nicht umsonst den Samen verdrängt, und zwar aus drei ganz einfachen Gründen: Preis, keine Umstände mehr mit Männlein und Weiblein und die Wachstumsdauer, Stecklinge können schon nach ein paar Tagen mit weniger als zwölf Stunden Licht auskommen; bei Sälingen dauert das ganz einfach länger.
Wie realistisch ist dann die Annahme, daß Can-nabis-Züchter wieder auf die Saat-Methode übergehen und wann wird es soweit sein? Einer, der diese Fragen beantworten kann, ist Cees, und darum sind wir nach Capelle in Zeeland gefahren, wo dieser exzentrische Gen-Manipulator residiert.
Cees ist in den Niederlanden durch seine Firma `No Mercy Supply` bekannt geworden, die Grow-Shops im ganzen Land mit CO2-Tabletten und Bakterial beliefert. Vor allem die CO2-Tabletten, die dem Gießwasser zugefügt werden, haben in den Reihen der Züchter zu hitzigen Diskussionen geführt, denn bis vor Kurzem hielt man es für onmöglich, der Pflanze CO2 über das Wurzelsystem zu zuführen. Die Methode, die er zur Produktion von weiblichen Samen benutzt, ist übrigens nicht neu. Der amerikanische Cannabis-Guru Mel Franks schrieb schon in den Siebzigern darüber und auch im Gartenbau wird sie schon lange angewendet.

Grow!: “Cees, wir sind sehr gespannt auf deine Geschichte. Laß uns am Anfang beginnen: Was bedeutet der Begriff ´XX-Pflanzen´?”

Cees: “XX bedeutet ganz und gar weiblich.”

 
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 Interview from GROW! Magazine (Nr. 3/2000)